Sekundenschlaf

Schlaf - königlichste Phase unseres Daseins

Experten sprechen auf Einladung von Jürgen Körner über Tagesschläfrigkeit und Sekundenschlaf-Gefahren -

Der Bundesvorsitzende des BSD e.V. und Medizinjournalist Werner Waldmann im Interview

"Wir sind eine Gesellschaft auf Schlafentzug. Schlaf gilt als überflüssig", beklagt der Medizinjournalist Werner Waldmann. Dabei sei er vielleicht die königlichste Phase unseres Daseins, meint der 69-Jährige. Am Dienstag, 7. Oktober, spricht er bei der Sindelfinger Schlafschule.

VON SIEGFRIED DANNECKER, Kreiszeitung Böblinger Bote

SINDELFINGEN. Auf Einladung des Bettenfachmanns Jürgen Körner moderiert der Medizinjournalist aus Ostfildern den Vortragsabend "Tagesschläfrigkeit und Sekundenschlaf". Weitere Gäste sind Dr. Hans-Günter Weeß, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, und Dieter Wahl, Kraftfahrer und Vorstandsmitglied des Bundesverbands Schlafapnoe und Schlafstörungen e.V.

Herr Waldmann, Sie geben "Das Schlafmagazin" heraus für Menschen mit schlafbezogenen Erkrankungen. Wie kommt Ihre Zusammenarbeit mit Bettenexperte Jürgen Körner von Raum und Design?

Er schreibt regelmäßig für unser Magazin eine Kolumne. Und natürlich fängt das Schlafen mit dem Liegen an. Davon versteht Herr Körner eine Menge.

Sie verstehen viel von Schlafapnoe, der Laie mehr vom Schnarchen, weil viele "sägen".

Schnarchen ist ein soziales Problem, das andere in Mitleidenschaft nimmt. Das tun viele, vor allem Männer. Aber auch Frauen in den Wechseljahren, wenn die Muskulatur im Rachenraum nachlässt. Doch das ist noch relativ unbedenklich. Schlimm wird es erst, wenn es Richtung Schlafapnoe geht.

Das sind Atemaussetzer, oder?

Das können bis zu drei Minuten lange Atempausen sein, in denen das Gehirn mit Sauerstoff unterversorgt ist. Im Extremfall kann dieses krankhafte Schnarchen zigmal gehen. Das Herz muss Leistung erbringen.

Und der Schlaf wird dann nicht erholsam?

Das summiert sich auf und am nächsten Tag sind die Betroffenen matt, müde, erschöpft. Viele wissen nicht um ihre Krankheit, sollten aber auf die Warnsignale hören. Schlafapnoe kann fatal sein, weil sie zum Beispiel bei Lkw-Fahrern zum gefürchteten Sekundenschlaf führt. Da brettert einer mit so einem Vieltonner durch die Gegend und wird zur tickenden Zeitbombe.

Mit Dieter Wahl haben Sie am Vortragsabend einen Mann aus der Branche vor Ort.

Ja, er ist seit 20 Jahren Kraftfahrer und wird seither therapiert mit einer Schlafmaske.

Wie man sie aus Schlaflaboren kennt wie etwa dem am Sindelfinger Krankenhaus?

Dort wird man verkabelt, sodass Gehirnströme, Atemfluss und Bewegungen im Bett gemessen werden und das Schlafgeräusch vor Mikrofonen. Dumm ist, dass es in solchen Schlaflaboren oft lange Wartezeiten gibt. In Notfällen geht's rascher.

Was hat es mit dieser Schlafmaske auf sich?

Das ist ein Atemtherapiegerät, das man sich umschnallt. Mit einem bestimmten Druck wird einem Luft in die Atemwege gepumpt. So hören die Atemaussetzer auf.

Gewöhnt man sich an so eine Maske?

Nicht jeder. Aber sie ist sinnvoll, ein Leben lang. Besser, denn als Kraftfahrer mit einem Bein im Gefängnis zu stehen. Wenn ein niedergelassener Arzt eine Schlafapnoe feststellt, die nicht behandelt wird, darf man nicht mehr fahren.

Was wissen Sie über die Zahl der unter Schlafapnoe Leidenden?

Zirka zwei Millionen Menschen werden hierzulande behandelt. Aber sieben oder acht Millionen müssten behandelt werden.

Das sind Menschen, die beim monotonen Autofahren auf langweiligen Autobahnen schon mal - auch tagsüber - plötzlich wegnicken, denen die Augen zufallen.

Das sind ein, zwei Sekunden, die tödlich enden und viel Leid anrichten können. Wer tief und entspannt geschlafen hat in der Nacht ist tagsüber fit.

Was halten Sie von den Müdigkeitswarnern, wie sie etwa Mercedes als Sonderzubehör hat? Ein Sensor im Innenspiegel erkennt aus Lenkbewegungen und Augenlidschlag, ob der Fahrer noch konzentriert ist. Im Zweifel blinkt plötzlich ein Kaffeetassen-Symbol.

Eine sinnvolle Sache, die es aber meistens nur in den teuren Limousinen gibt. Lkw haben so was nicht. Die Unternehmer sparen daran - leider. Hinzu kommt, dass viele dieser Laster keine Klimaanlage haben, die Berufskraftfahrer also sommers in der stickigen Kabine schlafen müssen.

Thema Kosten: So eine Schlaflabor-Untersuchung übernimmt die Krankenkasse?

Tut sie. Bei den Atemtherapiegeräten zicken die Kassen oft zunehmend herum.

Was kostet so ein Teil?

800 bis 2000 Euro, je nachdem. Aber seine eigene Gesundheit sollte einem was wert sein. Schlafmangel, auf ein Leben hochgerechnet, hat Konsequenzen wie Schlaganfall, Herzinfarkt, Diabetes. Die neueste Forschung spricht auch von Demenz, weil ja die Schaltzentrale Hirn durch Sauerstoffmangel geschädigt wird.

Zu viel Alkohol ist sicher auch nicht gut.

Also, wer abends gern sein Bierchen oder Weinchen trinkt, sollte das zumindest nicht bis an die Bettkante im Übermaß tun. Im Übrigen leben wir in einer viel zu hektischen Zeit mit zu vielen Reizen aus Fernsehen, Computern, Smartphones, Disko und Zerstreuung in der Freizeit. Mal abschalten wäre die bessere Gesundheitsprophylaxe.

Wer schläft, sündigt nicht?

Wer gut und genug schläft, verbessert sein Leben. Er verpennt trotzdem - oder erst recht - nichts.

Informationen zum Sekundenschlaf

Guter Schlaf ist erholsam, Sekundenschlaf kann tödlich sein, wenn einen die kurze Schlafattacke in einer kritischen Fahrsituation erwischt, etwa in einer Kurve, aus der man sich selbst ins Abseits katapultiert, oder auf einer gerade verlaufenden Landstraße, auf der einen die Schlafattacke für Bruchteile von Sekunden auf die Gegenfahrbahn geraten lässt und in einer tödlichen Frontalkollision mit dem entgegenkommenden Fahrzeug enden kann.

Was ist Sekundenschlaf eigentlich und wie können Sie sich davor schützen? Ausführliche Fachinformationen finden Sie hier [100 KB] im Flyer.

Schlafattacken, die Leben kosten

Sekundenschlaf

Schlaf gilt als Balsam für unsere Seele. Wer gut schläft, fühlt sich tagsüber super, voller Elan und Tatendrang. Doch Schlaf kann auch tödlich sein – und zwar im Straßenverkehr, meistens auf der Autobahn. Gemeint ist der berüchtigte Sekundenschlaf. Die Wissenschaftler bezeichnen ihn auch als Mikroschlaf.

Dr. Roxanne Dossak

Bei einem Horror-Unfall auf der Brenner-Autobahn starb eine dreiköpfige Familie aus Düsseldorf. Der Unfall passierte an einem Samstag gegen 8.30 Uhr. Der Audi prallte bei voller Fahrt auf einen LKW aus Tschechien, der in einer Haltebucht stand. Am Steuer saß die Mutter. Der Tacho soll nach dem Crash auf 200 km/h gestanden haben. Weil die Polizei keine Bremsspuren entdeckte, gehen die Ermittler von Sekundenschlaf aus. Der Aufprall war so stark, dass das Auto teilweise unter den Lastwagen rutschte und Teile des PKWs bis zu 100 Meter weit flogen.
Sekundenschlaf kann tödlich sein, wenn einen die winzige Müdigkeitsattacke in einer kritischen Fahrsituation erwischt, etwa in einer Kurve, aus der man sich selbst ins Abseits katapultiert, besonders bei hoher Geschwindigkeit, oder auf einer gerade verlaufenden Landstraße, auf der einen die Schlafattacke innerhalb weniger Sekunden auf die Gegenfahrbahn geraten lässt und so in einer tödlichen Frontalkollision endet. Früher stand im Protokoll der Polizei: Ursache unbekannt. Heute ist man klüger und weiß um die Gefahren des Sekundenschlafs.

Was ist Sekundenschlaf eigentlich?
Sekundenschlaf ist das ungewollte Einnicken, das nur wenige Sekunden dauert. Ursachen dafür gibt es viele. Sekundenschlaf tritt im Straßenverkehr bei übermäßig langen und monotonen Fahrten auf. Das ist in erster Linie auf Autobahnen der Fall.
Man braucht nicht viel Fantasie dazu, sich die Monotonie vorzustellen, der ein Fahrer ausgesetzt ist. Besonders einer, der einen LKW steuert. Mit dem Personenwagen kann man mal schneller, mal langsamer fahren, man überholt – man ist in ständiger Aktion. Das hält wach. LKW-Fahrer müssen ihr Vehikel mit regelmäßigem Tempo steuern, meistens auf der rechten Spur, meistens in Kolonne mit anderen LKW-Kollegen. Und wenn ein LKW einmal auf die Überholspur wechselt, dann hupen und blinken die PKWs, weil sie sich gestört fühlen und für kurze Zeit abbremsen müssen.
Besonders gefährlich sind Nachtfahrten zwischen 2 und 5 Uhr morgens. Das hängt mit unserer inneren Uhr zusammen, mit dem Biorhythmus. In dieser Zeit ist der Körper auf Schlaf eingestellt und so steigt die Wahrscheinlichkeit, einmal kurz wegzunicken.

Ursachen für Schläfrigkeit
Schläfrigkeit kann viele Ursachen haben. Diplompsychologin Sabine Eller, Leiterin des Schlaflabors der Klinik Schillerhöhe: „Teilweise können wir etwas dafür, teilweise tritt sie gegen unseren Willen ein. Es kann zum Beispiel sein, dass die Missachtung bestimmter Regeln, die dem gesunden Schlaf zuträglich sind, unseren Schlaf beeinflusst. Das wäre etwa eine zu kurze Ruhezeit, die wir sträflicherweise über Tage, über Wochen durchhalten. Es können aber auch Folgen von Schichtarbeit sein, die uns nicht regelmäßig schlafen lassen und dann, wenn wir schlafen könnten, durch den Rhythmus, der uns nicht entspricht, vielleicht zu Schwierigkeiten führen. Es gibt auch Verhaltensweisen wie starkes Rauchen vor dem Schlafengehen oder große Essensmengen, auch starker Alkoholgenuss, Koffein, Tein oder Aufputschmittel, die die Schlafqualität beeinträchtigen. Ferner wissen wir, dass auch Krankheiten unseren Schlaf beeinträchtigen, z. B. die Krankheit der unruhigen Beine, welche die Schlafqualität vermindern. Ursache kann aber auch das Schlafapnoe-Syndrom sein, das die Schlafarchitektur stört.“

Schläfrigkeit erkennen
Die Augen beginnen langsam zu brennen, das Augenzwinkern wird häufiger, gleichzeitig aber auch langsamer, und die Pupillen verengen sich zunehmend. Außerdem beginnt man zu frösteln. Man gähnt überdurchschnittlich viel, reagiert nicht mehr so schnell wie sonst und macht mehr Fehler beim Fahren, übersieht Verkehrsschilder oder Ausfahrten. Es fällt einem schwer, die Spur zu halten. Ein weiteres typisches Anzeichen ist schlechte Laune – man wird plötzlich nervös oder aggressiv und regt sich über Sachen auf, die einen normalerweise kaltlassen würden. Oft kann man sich gar nicht mehr an die letzten gefahrenen Kilometer erinnern oder hat das Gefühl, nicht zu wissen, wo man ist. Und vielleicht fallen einem sogar für den Bruchteil einer Sekunde die Augen zu – das ist aber dann wirklich schon Alarmstufe Rot. Wer jetzt nicht auf seinen Körper hört und eine Pause macht, läuft Gefahr, dass er sein Auto – wenn auch nur für kurze Zeit – führerlos und damit unkontrolliert lässt.
Es ist sehr wichtig, auf die ersten Warnzeichen von Schläfrigkeit zu achten, wenn man fährt, denn die Gefahr besteht darin, dass wir gar nicht sicher bemerken und nicht einschätzen können, wie nah wir an einem Einschlafereignis sind. Doch dass wir müde sind, merken wir, und dies ist eigentlich unser bestes Frühwarnsystem.
Aber auch der Sekundenschlaf mit offenen Augen ist tückisch, denn in diesem Zustand verarbeitet das Gehirn die Wahrnehmungen der Augen so gut wie gar nicht mehr bzw. zu langsam, sodass eine Reaktion zu lange dauert. So verlängert sich die Reaktionszeit schon nach einer vierstündigen Nonstop-Fahrt um 50 %. Das bedeutet, dass sich das Unfallrisiko verdoppelt. Nach sechs Stunden Fahrt ohne Unterbrechung steigt es sogar auf das Achtfache. Ein müder Fahrer reagiert nicht nur langsamer und beurteilt Situationen häufig falsch, sondern er überschätzt auch die eigene Leistungsfähigkeit.
Das beste Mittel gegen Schläfrigkeit ist, vor einer weiten Fahrt nach einem langen Arbeitstag ausreichend zu schlafen. Das ist nicht immer möglich, vor allem dann, wenn LKW-Fahrer in ihrem Fahrzeug in unbequemen Schlafkabinen Lärm und Hitze ausgesetzt sind. So schläft man schlecht. Dagegen hilft nur ein Kurzschlaf. Auch bei Tag! Dieses Powernapping von zehn bis fünfzehn Minuten ist das Allerwirksamste, was man gegen Schläfrigkeit tun kann. Besonders wirksam ist es, diesen Kurzschlaf mit Koffein zu kombinieren. Kaffee sollte man schon vor dem Kurzschlaf trinken. Er braucht rund 20 Minuten, um seine Wirkung zu entfalten.
Wer nachts schlecht schläft und sich dadurch tagsüber ständig unausgeruht fühlt, der leidet möglicherweise unter krankhaftem Schnarchen mit Atemaussetzern (Schlafapnoe). Wer dies weiß und unbehandelt fährt, macht sich strafbar.